Die missverstandene Empathie

Warum wir andere nicht verstehen müssen, um ihnen menschlich zu begegnen

Die Debatte um Bärbel Bas offenbart einen eigentümlichen Widerspruch. Angesichts ihrer persönlichen Situation wird besondere Rücksichtnahme gefordert. Kritik hätte behutsamer formuliert, ihre mögliche Verletzlichkeit stärker berücksichtigt werden sollen. Was als Ausdruck von Empathie erscheint, wirft jedoch eine grundsätzliche Frage auf: Warum sollte die Angemessenheit unseres Umgangs davon abhängen, was wir über die persönliche Situation eines Menschen zu wissen glauben?

Ein anständiger Umgang bedarf keiner besonderen Begründung. Er sollte weder von den Lebensumständen noch von der vermuteten Belastbarkeit des Gegenübers abhängen. Wer Rücksichtnahme erst dort einfordert, wo besondere Verletzlichkeit angenommen wird, stellt den grundsätzlichen Umgang nicht infrage. Er erklärt lediglich, unter welchen Umständen ein anderes Verhalten angebracht erscheint.

Doch das eigentliche Missverständnis reicht tiefer. Es beginnt dort, wo wir aus den äußeren Umständen eines Menschen auf seine innere Gefühlswelt schließen. Wir glauben zu wissen, was ihn belastet, wie verletzlich er ist und welche Form der Rücksichtnahme er deshalb benötigt. Aus einer persönlichen Situation wird eine psychologische Zuschreibung, aus dieser eine vermeintliche Schutzbedürftigkeit. Der andere wird zum Gegenstand unserer Deutung, während wir glauben, ihm besonders verständnisvoll zu begegnen.

Darin liegt eine kaum bemerkte Anmaßung. Wer einen Menschen aufgrund seiner Lebensumstände für besonders verletzlich erklärt, beansprucht ein Wissen über dessen inneres Erleben, das ihm möglicherweise gar nicht zusteht. Selbst ein Widerspruch kann dieses vermeintliche Wissen oft nicht erschüttern. Er wird seinerseits psychologisch erklärt, als Ausdruck verdrängter Gefühle oder verborgener Schutzmechanismen. Was sich unserer Vorstellung entzieht, erscheint nicht als Grenze unseres Wissens, sondern als Anlass für eine weitere Interpretation.

Die moderne Vorstellung von Empathie begünstigt diesen Anspruch. Sie verbindet menschliche Nähe mit der Fähigkeit, die Gefühle anderer nachzuvollziehen. Psychologisches Wissen soll helfen, ihre Reaktionen zu verstehen und das eigene Verhalten darauf abzustimmen. Doch die Kenntnis allgemeiner psychologischer Zusammenhänge ist noch kein Verständnis eines konkreten Menschen. Zwischen dem, was wir über menschliches Erleben wissen, und dem, was ein einzelner Mensch tatsächlich empfindet, bleibt ein Unterschied, den auch die differenzierteste Erklärung nicht aufheben kann.

Vielleicht liegt das Problem jedoch nicht erst darin, dass wir andere Menschen falsch verstehen. Vielleicht beginnt es bereits mit der Selbstverständlichkeit, mit der wir sie verstehen wollen. Wir versuchen, ihre Gefühle zu ergründen, ihre Reaktionen einzuordnen und ihre Erfahrungen in einen für uns nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen. Was uns fremd bleibt, wird zum Gegenstand eines Erkenntnisvorhabens. Dabei übersehen wir, dass die Gefühlswelt des anderen zunächst einmal ihm selbst gehört. Sie muss uns weder zugänglich noch verständlich werden.

Das bedeutet keine Gleichgültigkeit. Menschen können einander aufmerksam begegnen, Erfahrungen teilen und Anteil am Leben des anderen nehmen. Doch zwischen einem Verständnis, das sich aus einer Begegnung ergibt, und dem Anspruch, den anderen verstehen zu müssen, besteht ein wesentlicher Unterschied. Im ersten Fall kann sich Nähe entwickeln, ohne dass sie hergestellt werden soll. Im zweiten wird der andere zum Gegenstand eines Vorhabens, dessen Ziel bereits feststeht.

Verstehen ist keine Voraussetzung menschlicher Begegnung. Es kann eine ihrer Folgen sein. Vielleicht verstehen wir einander, vielleicht bleiben uns bestimmte Erfahrungen fremd. Beides darf bestehen, ohne dass die Begegnung dadurch an Menschlichkeit verliert. Der andere muss sich unserer Vorstellung nicht erschließen, um als eigenständiger Mensch anerkannt zu werden.

Gerade darin zeigt sich die Begrenztheit einer Empathie, die Menschlichkeit durch psychologisches Verständnis herstellen möchte. Sie macht den angemessenen Umgang von einer Erkenntnis abhängig, über die wir möglicherweise gar nicht verfügen können. Zwischen die Menschen tritt das vermeintliche Wissen über ihre Gefühle, ihre Verletzlichkeit und ihre Bedürfnisse. Das Bemühen um Nähe kann so selbst zu einem Hindernis der Begegnung werden.

Auch die Forderung nach mehr Empathie löst diesen Widerspruch nicht zwangsläufig auf. Denn sobald Menschlichkeit zu einer Methode wird, die wir bewusst anwenden sollen, versuchen wir erneut, durch bestimmte Vorstellungen und Verhaltensregeln etwas herzustellen, das sich nicht allein auf diese Weise hervorbringen lässt. Ein angemessener Umgang beginnt nicht erst mit der richtigen psychologischen Einschätzung des anderen.

Das gilt auch für Bärbel Bas. Ihre politische Verantwortung kann und muss unabhängig von ihrer persönlichen Situation beurteilt werden. Kritik darf deutlich und unbequem sein. Zugleich sollte ihre Angemessenheit nicht erst davon abhängen, ob wir die kritisierte Person für besonders verletzlich halten. Die Frage ist nicht, wie viel Kritik ein Mensch aufgrund seiner vermuteten Gefühlslage verträgt, sondern wie wir grundsätzlich miteinander umgehen.

Vielleicht besteht das eigentliche Missverständnis der Empathie deshalb darin, dass wir menschliche Nähe mit dem Verstehen des anderen verwechseln. Wir glauben, ihm gerecht zu werden, indem wir seine Gefühlswelt erschließen, und bemerken dabei nicht, wie sehr wir ihn an unsere eigenen Vorstellungen binden.

Der andere muss uns nicht verständlich werden, um uns als Mensch gegenüberzustehen. Vielleicht liegt gerade darin die Möglichkeit einer Begegnung, die nicht erst durch unser Wissen über ihn hergestellt werden muss.